Planetenring Nürnberg

Gleich neben der romantischen Bauernfeindsiedlung ist – passend zum Namen – eine Anlage ganz anderer Art finden. Diese ist zwar auch unter Regie der Eisenbahnergenossenschaft errichtet worden. Allerdings, oder gerade deshalb, ist sie ein sehr gutes Beispiel dafür, dass Welten zwischen den Baustilen verschiedener Jahrzehnte liegen können. Während die Bauernfeindsiedlung aus den 20er und 30er Jahren stammt, wurden die Arbeiten am Bau der Parkwohnanlage Zollhaus 1957 aufgenommen.

Der Name ist hier, am Planetenring, jedenfalls Programm: Die Architektur präsentiert sich „spacig“ mit ihrer futuristischen Formensprache, die manche Autoren auch an Le Corbusier erinnert. Wie eine Raumstation wirkt zum Beispiel die zentrale Ladenpassage, und auch das frühere gemeinsame Heiz- und Waschhaus könnte aus einer anderen Galaxie stammen.

Geplant hat die Anlage Gerhard G. Dittrich. Es ist leider nicht überliefert, ob er sich damals vom Space Race zwischen Amerikanern und Sowjets hat inspirieren lassen. Auf jeden Fall waren die 50er Jahre im Wirtschaftswunder-Deutschland ein Jahrzehnt, in dem Fortschritt groß geschrieben wurde.

Dabei sind die Wohnformen eigentlich relativ traditionell. Es gibt Reihenhäuser, Mehrfamilienhäuser und ein Hochhaus. Insgesamt beherbergt die Zollhaus-Anlage 1.100 Wohneinheiten. Was allerdings innovativ war, war die Tatsache, dass die Wohnungstypen anhand einer Umfrage ermittelt wurden – direkte Demokratie im Wohnungsbau also! Grundrisse mit einem extra Hobbyraumzimmer für die Freizeitgestaltung waren damals der letzte Schrei.

Licht, Luft und Kunst

Dieser sozialreformerische Impetus ist auch an den übergeordneten Gestaltungsprinzipien wiederzuerkennen. Anders als die althergebrachten Mietskasernen – wahre Brutstätten für Krankheiten, in denen Wohnen im heutigen Sinn nicht möglich war – sollte die gesamte Anlage viel Raum bieten und von Licht und Luft durchflutet sein.

Zwischen den einzelnen Baukörpern gibt es grüne Freiflächen und wenig offensichtlich gekennzeichnete Grundstücksgrenzen. Ins Auge fällt auch, dass Wohnungen und Häuser oft versetzt angeordnet sind – was auch wieder ziemlich spacig aussieht. Auch bei den Baumaterialien wird die Linie konsequent fortgesetzt, indem zum Beispiel Glasbausteine in das Mauerwerk integriert sind.

Kunst im öffentlichen Raum spielt ebenfalls eine Rolle. Neben gestalteten Straßenschildern, sind am eigens angelegten Mondsee Skulpturen von Leo Birkmann,  Emil Zentgraf und Hella Rößner-Böhnlein zu finden. Und auch Wandmalereien bzw. Mosaike gibt es zu bestaunen.

Übergang 30er und 50er Jahre.

Schnittmenge: Wohnungsbau der 30er und 50er Jahre.

Parkwohnen heute

Das Konzept der idealen Wohnanlage ist aus heutiger Sicht nur zum Teil aufgegangen. Die Ladenpassage konnte sich nie als lebendiges Stadtteilzentrum etablieren. So „genießt“ die Parkwohnanlage Zollhaus den Ruf einer bloßen Schlafstadt, in der sonst nicht viel geboten ist.Auch der Zahn der Zeit hat gewisse Spuren hinterlassen.

Weiterlesen:

Hätten Sie gern einen Hobbyraum? – Die Zeit, 09/1965.

Parkwohnanlage Zollhaus – Verein Baukunst Nürnberg.

 

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